WIEDERGUTMACHUNGEN

Werkkatalog mit einem Text von Silvie Aigner, 2005, Wien

Text von Silvie Aigner als pdf


WIEDER GUT MACHEN
(Ausschnitt des Einleitungstextes aus dem Katalog "Wiedergutmachungen" , 2005)

III.
Ein Auswahlkriterium des Steinbildhauers orientiert sich üblicherweise an der Unversehrtheit des Steines (vom "gesunden" Stein ist dann die Rede), an seiner stofflichen Makellosigkeit als Ausgangspunkt des künstlerischen Formwillens. Im Gegensatz dazu macht Michael Kos Steine mit Vernarbungen und Rissen zum Gegenstand seiner neuen Arbeiten. Skulpturen leichthändig wie Skizzen, deren Ideen sich in einer präzisen und dichten Unmittelbarkeit ins Material eintasten. Skulpturen, die sich bereits in ihrer Grundform einer Vollkommenheit entziehen. „Doch die Zielvorstellung Ideal“, so Ernst Bloch, „wirkt als solche unerlässlich, ein auf sie gerichteter Willensentscheid ist unaufhebbar." Und er schreibt unerbittlich weiter: „Er ist es selbst dann, wenn er nicht vollzogen wird, denn der Nichtvollzug wird gerade wegen der sachlichen Unaufhebbarkeit von schlechtem Gewissen, mindestens vom Gefühl der Entsagung begleitet.“ Für die vom Künstler ausgewählten Steine bedeutet dies, dass sie, um eine als Ideal angenommene Ganzheit zu erreichen, erst „behandelt“ werden müssen. Der künstlerische Eingriff, so Michael Kos, wird solcher Hand zur Reparatur, zur Operation und Chirurgie. Doch selbst wenn Risse, Einschnitte und geplatzte Adern vernäht werden, bleibt etwas Sichtbares zurück. Die Naht, die eine tiefer liegende Wunde zudeckt, läßt, entfernt man die Fäden, stets noch die sichtbare Narbe zurück.
Der Künstler stellt damit eine elementare Frage: Sind Wiedergutmachungen tatsächlich möglich? Erinnerungen sind von objektiver Seite nicht zugänglich, ebenso nicht wie der private Denkraum der verschnürten Box. Erinnerungen ergehen sich immer in der Vergangenheit, laufen also den in die Zukunft strebenden Menschen zuwider. Sie drängen sich, wie die von Michael Kos nun ausgewählten Steine, in den Mittelpunkt einer gegenwärtigen Betrachtung und evozieren eine bestimmte proportionale Einstellung dazu. Wenngleich diese nur fiktiv sein kann; denn was einst wahrgenommen wurde, existiert so nicht mehr in der Gegenwart. Objektive Verfahren scheitern – die Erinnerung bleibt stets im Bereich zutiefst persönlicher Bewusstseinszustände.

©2005 Silvie Aigner, Kunsthistorikerin