PASSENGERS
In ihren ersten Ausstellungen zeigte die 1967 in Sydney, Australien, geborene slowenische Künstlerin Mira Narobe Landschaftsbilder und später auch Stillleben. Die Annäherung an die Figur und an das Porträt im Speziellen erfolgte nach einem Aufenthalt in Paris. In ihren zum Teil großformatigen Figurenbildern
setzt Mira Narobe zumeist zwei Personen zueinander in Beziehung. Ihre Stellung im Raum wird durch einige wenige Interieurangaben im Hintergrund unterstützt, doch erhalten sie ihre Präsenz vor allem durch ihre Körperhaltung und durch die sich in ihren Gesichtern manifestierende Emotionalität. Die melancholische, bedeutungsschwere Szenerie ihrer Bilder wird durch eine dunkle, auf wenige Töne reduzierte Farbigkeit unterstützt. Der Betrachter erhält durch den stummen Dialog der beiden Figuren einen intimen Einblick in eine private Atmosphäre oft zum Zeitpunkt einer möglichen Veränderung. Die Einzelporträts zeigen die Köpfe in starker Nahsichtigkeit, an den vorderen Bildrand gerückt und von diesem zum Teil überschnitten.
Charakteristisch für Narobes Malerei ist ein breiter Pinselduktus und die bereits angesprochene dunkle Farbigkeit mit einer gewissen Vorliebe für Blau, Rot und Grautöne. In einem subtilen Spiel zwischen dunklem Hintergrund und aufgesetzten hellen Farbtönen hebt sie die Figur aus ihrem Umraum heraus. Die Farbigkeit des Porträts nimmt in einer helleren Nuancierung jene des Hintergrundes auf, der Pinselduktus legt sich über die gesamte Komposition und lässt je nach Intention die Figur auch mit dem Hintergrund verschmelzen, während in anderen Bildern Schattenflächen mit beleuchteten Partien in Kontrast gesetzt sind. Die Künstlerin malt, wie sie betont, bewusst klassische Themen im traditionellen Medium der Ölmalerei und stellt sich damit auch in die Tradition einer expressiven, figurativen Malerei der europäischen Moderne. Über die Porträts, die malerische Darstellung der Köpfe, die bei Narobe oft auch eine extreme Physiognomie zeigen, erfolgte eine inhaltliche Annäherung zu den Arbeiten von Michael Kos.
In beiden Werken ist das Thema des Kopfes präsent. Die unterschiedliche Annäherung von Mira Narobe und Michael Kos an das Thema, sowohl von der inhaltlichen wie auch formalen Seite, als auch das Auffinden eines stimmigen Ortes für die Präsentation der entstandenen Arbeiten war Schwerpunkt ihres Crossover-Projektes „Passengers".
So entstand kein gemeinsames Bild oder eine gemeinsame Skulptur, bzw. zielte die Zusammenarbeit der beiden Künstler nicht auf eine Überarbeitung des jeweils anderen Werkes ab. Michael Kos und Mira Narobe stellten ihre unterschiedlichen Lösungen für das Projekt gegenüber.
Der Ort der Ausstellung, eine unterirdische Kirchenkapelle bei der Stadtpfarrkirche in Kranj, brachte dabei eine wesentliche, zusätzliche Inhaltsebene ein. An diesem als Expositur des Gorenjski Muzej geführten Ort lagern - ähnlich einem mittelalterlichen Karner - Schädel und Knochen. Eine unterirdische Schädelstätte, an einem zentralen Platz inmitten der Stadt, an der jedoch täglich die Passanten Kranjs vorbeigehen, ohne ihn zu kennen oder zu bemerken. Die Zeit und die Art ihrer Präsentation hat diesen Schädeln ihre Subjektivität genommen, namenlos liegen sie aufeinander geschlichtet, nichts deutet auf die ehemalige Individualität der Einzelnen hin. So wurde die Schädelstätte in Kranj auch zum Ausgangspunkt einer inhaltlichen Ausrichtung und formalen Reaktion des gemeinsamen Kunstprojektes von Michael Kos und Mira Narobe. Das Interesse der beiden Künstler galt dabei dem Schädel im Allgemeinen, der Möglichkeit, ihn durch die Reduzierung auf seine Rudimentärformen als Chiffre zu begreifen, in dem der Kopf zwar noch als Form erkennbar ist, jedoch individuelle Merkmale nicht mehr ablesbar sind. Sowohl Kos als auch Narobe gehen dabei von ihrer unmittelbaren Werkentwicklung aus, was sich auch in der unterschiedlichen Intensität, in der die Künstler sich auf diesen Ort eingelassen haben, ausdrückt.
Die "Schädelsteine" von Michael Kos sind eine Fortsetzung seiner Vernähungen an Fundsteinen, in denen er der diffizilen Frage von Ganzheit, Vollkommenheit, ihrer Beschädigung und Fragmentierung durch Erosion und Zeit nachgeht, sowie ihrer möglichen Wiederherstellung durch die artifizielle Vernähungen des Künstlers. Für seine "Schädelsteine" verwendet Kos Findlinge aus dem Krastaler Marmorsteinbruch. In klassischer Manier der Steinbildhauerei arbeitet er zunächst allgemeine Gesichtzüge wie Stirn, Nase oder Augenhöhlen heraus. In einer industriellen Steinwaschtrommel, gefüllt mit Kieselsteinen, werden diese Formen jedoch wieder verschliffen, der Stein erhält eine grobe, körnige Oberfläche, die den Eindruck einer natürlichen Verwitterung evoziert. Mittels der Vernähungen setzt der Künstler die primären Merkmale eines Gesichtes in die Steinform, wie bei einer Stoffpuppe, ohne Möglichkeit oder Absicht, den Steinen Individualität einzuschreiben. Die Steinköpfe von Michael Kos nähern sich damit der am Ort angelegten Chiffrierung der vielen entpersonalisierten Schädel und weisen durch ihre archaisch anmutende Oberfläche auch auf eine weit zurückliegende Zeit hin.
Mira Narobe malte für die Ausstellung - entsprechend ihrem bisherigen Oeuvre - Einzel - und Doppelporträts. Wenngleich sie zunächst von einer Individualität ausging, zielt ihre Malerei, in der sie die Köpfe ins Groteske und Maskenhafte steigert, auf eine allgemeine Symbolik und auf eine den Steinköpfen von Michael Kos nicht unähnliche, unmittelbare Direktheit.
Die Präsenz der Totenschädel in der unterirdischen Kirche in Kranj gibt den Arbeiten ihre beabsichtigten konnotativen, d.h. emotionalen und expressiven Begleitvorstellungen, die über das optisch und sprachlich fassbare Zeichen durch das Kunstwerk hinausgehen.
„Die Annäherung unserer beiden Werke bzw. der Versuch, eine mögliche Wahlverwandtschaft zu finden, erfolgte hier vor allem durch den Ort der Ausstellung, in der das Thema „Kopf" eine unmittelbare Präsenz hatte. Ein vergessenes Memento Mori. Im Inneren der unterirdischen Kirchenruine lagern Hunderte von Totenköpfen: Passanten einer Zeit, die sie namenlos zurückgelassen hat." (Michael Kos)
Text von Silvie Aigner im Katalog "Crossover 2"