METHEXIS ist das Verhältnis des Abbilds zum Urbild
Kurz-Info: Auf österreichischer Seite wird am Wachterberg bei Kleinschweinbarth die Front des Campanile, der am tschechischen Tanzberg von Mikulov steht, als verspiegelte Silhouette aufgebaut. Bild und Abbild stehen quasi vis à vis in 6 km Entfernung, jeweils als signifante Landmarkierung.
Durch eine beide Grenzen überschreitende SICHTlinie aus (Laser-)Licht - bei Nacht vom Campanile aus auf den Spiegel projeziert - wird die geografisch vorhandene (und sowohl historisch als auch politisch vereinnahmte) Korrespondenz zum bewußten, nationenverbindenden Konnex erhoben.
Quer über die Tiefebene zwischen Drasenhofen (A) und Mikulov (CZ), über beide Staatsgrenzen und das Niemandsland hinweg stiftet - in Form eines Lichtstrahls - die METHEXIS zwischen einem Turm und dessen Abbild eine VerBINDLICHkeit, die sowohl ästhetisch, sowohl historisch bewußt, sowohl hermeneutisch (im existenziellen Sinn), sowohl humanistisch, als auch konkret politisch gemeint ist.
ästhetische Idee
Der 30 Millionen Jahre alte Höhenzug Pavlovské vrchy läuft zwischen Südmähren und dem nördlichen Weinviertel aus und wirft dabei seine für diese Region so typischen und dominanten Bergklippen auf.
Zwischen Österreich und Tschechien korrespondieren 2 dieser Land-schaftsformationen auf sehr vielschichtige Weise: Auf österreichischer Seite ist es der Wachterberg bei Kleinschweinbarth, auf tschechischer Seite ist es der sogenannte Tanzberg, der das Erscheinungsbild der Stadt Mikulov prägt.
Auf der österreichischen Seite am Lundenburger Platz des Wachterbergs wird eine Spiegelfläche (aus hochglanzpoliertem Nirostablech) aufgebaut, die einer maßstabsgetreuen Seitenfläche (mit Dach) des Campanile entspricht.
Auf der tschechischen Seite wird im Campanile ein Laser montiert, dessen Strahl bei Nacht auf den Spiegel projeziert wird.
Auf der Rückseite des Spiegels wird ein Text in deutsch und tschechisch montiert, der ebenso am Campanile angebracht wird (in einer der Fensteröffnungen).
Der tschechische Glockenturm und sein Abbild stehen so vis à vis in 6 km Entfernung, sie sind bei gutem Wetter auch tagsüber in Sichtkontakt.
Somit entsteht eine METHEXIS zwischen einer jeweils signifikanten Landmarkierung: dem Campanile auf der einen Seite und der LandART-Konstruktion auf der anderen.
Diese METHEXIS erscheint bei Nacht durch einen Sichtverbindung beider Punkte aus Laser-Licht.
Vertikale (Berge, Türme) und Horizontale (Sicht- und Lichtlinie) werden an 2 Punkten verknüpft.
historische Einbettung
Kurioserweise liegt am Wachterberg ein Lundenburger (=Mikulover) Platz in guter Sichtlinie zu Mikulov. Er fungiert als Tropus (bildl. Ausdruck) für eine immer noch hochsensible geschichtliche Beziehung (besser wäre Verstrickung) zwischen deutsch- und slawischsprachiger Kultur.
Und beide Berge sind Träger eines historischen Memento, dem ein sichtbarer Ausdruck durch die jeweilige, symbolische Architektur verliehen wurde.
Am tschechischen Tanzberg (sein Name geht auf ehemalige, heidnische Sonnwendrituale zurück) steht die St. Sebastian Kirche mit dem (älteren) Campanile, der 1622 aus Anlaß der Pestepidemie gebaut wurde.
Am österreichischen Wachterberg beschwört das Südmährerkreuz (mit dazugehöriger Gedenkstätte) das jüngere Schicksal der im Zuge des Zweiten Weltkriegs aus der Tschechoslowakei vertriebenen sudetendeutschen Minderheit.
Auf beiden Seiten stehen also Denkmäler, die Verschiedenem angedenken, sich aber derselben christlichen Zeichen bedienen.
Interessanterweise war der Campanile, von Kardinal Dietrichstein in Auftrag gegeben, von vornherein als freistehender Glockenturm geplant. Für die Baukultur dieser Region ist das eine sehr ungewöhnliche Entscheidung, die jedoch die Bedeutung des Turmes als Merk- und Signalarchitekur unterstreicht.
Das Urbild des Turmes ist der-sich-selbst-Aufrichtende=Wachende=Wächter, also quasi eine zur Tektonik geronnene Evlutionsgeste.
Es verwundert nicht, daß der erste Turm, der in der christlichen Schöpfungsgeschichte auftaucht, mit Sprache zu tun hatte, wenn man bedenkt, wie das Aufrechtstehen eines Kindes erst in dem Moment abgeschlossen ist, wen es ich zu sich sagt. Im Zuge der Individualitätsbetonung der Renaissance hat er (wie zB. im ital. San Gimignano) die Funktion des privaten (Herrschafts-) Zeichens übernommen.
hermeneutischer Ansatz
Das Buch Genesis berichtet von der ersten METHEXIS: Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. (1 27)
Deutlicher (und daher auch mit dieser Doppelbetonung) kann ein Verbindungsstrang zwischen Urbild und Abbild nicht gezogen werden. Gemäß dieser Schöpfungsidee ist jeder Mensch in METHEXIS zu Gott, ist jeder Mensch eine METHEXIS Gottes.
In weiterer Folge ist auch jedes Volk in METHEXIS zu einem Urvolk und jede Sprache eine METHEXIS zur Ursprache (Die geht ja laut Genesis erst zu Babel verloren. An dieser Stelle ist übrigens auch von dem einen Volk und der einen Sprache die Rede. 11 6).
Dieser Relationsaspekt zwischen Turm und Sprache (im konkreten Fall ja von Sprachraumtrennung und -konflikt) ist es, der SteamWORK den Campanile auf tschechischer Seite als visuellen Ausgangspunkt für METHEXIS wählen ließ.
humanistischer Aufgriff
Einer der zentralen Begriffe, mit denen die abendländische Hermeneutik den geschichtlichen Boden des Humanismus betreten hat, war jener der Brüderlichkeit.
Ungeachtet der zahlreichen Mißverständnisse, die es um diesen Begriff gab, hat er heute wieder im Zuge der Globalisierung (deren negative Seite als ökonomische Trennung, aber deren positive Seite als Informations-Verbindung zu sehen ist) an Aktualität gewonnen. Er hat mitgeholfen, einem ONE-WORLD-Empfinden den Weg zu bereiten(die eine Welt).
Die geschichtliche Entzweiung zwischen Tschechien und Österreich, besser gesagt zwischen deutsch- und slawischsprachiger Kultur, fand im Zuge des Nationalsozialismus mit der Okkupation der Tschechoslowakei und deren Reaktion, der Vertreibung der Sudetendeutschen, statt.
Die martialische Kultstätte des Sudetendeutschtums am Wachterberg zeugt davon, wie unbewältigt dieses tragische Kapitel immer noch ist.
METHEXIS ist auch als versöhnliches Kunstwerk gedacht. METHEXIS versteht sich als ein Zeichen für einen gemeinsamen geografischen und soziokulturellen Lebensraum, der diese Gemeinsamkeit durchaus schon im Spiegel der Geschichte vor den beiden Weltkriegen aufweist, als Deutsch-, Slawen- und Judentum in lebendigem Miteinander standen.
politisch konkret
Österreich und Tschechien stehen sich im Rahmen der EU-Erweiterung näher als jemals in den letzten 90 Jahren.
Die ökonomische Annäherung ist bereits in vollem Gang, das Ost-West-Gefälle im Ausgleich begriffen.
Was für den Rest Europas eine neue Situation bedeuten wird, läßt sich zwischen Österreich und Tschechien als Wiederannäherung sehen.
Diese Nähe zeigt sich - immer noch und jetzt wieder verstärkt - innerhalb des geografischen Bezuges zwischen nördlichem Weinviertel und Südmähren, in der Lebensgrundlage Wein- und Landwirtschaft, in der Baukultur und im historischen Kontext.
Von dieser Nähe spricht METHEXIS.
Text in Deutsch und Tschechisch
auf der Rückseite des Spiegelobjekts und am Glockenturm in Mikulov
"Europa ist nicht alt, es ist traditionsreich. Die Welt ist keine moderne, sondern eine gegenwärtige Welt. Der richtig gebrauchte Reichtum seiner Traditionen ist eine Stärke. Die Geschichte ist eine Kraft, die sich nach vorne bewegt, und wenn auch nicht zu dem Fortschritt, so doch wenigstens zu Fortschritten hinführt.
Das Europa von morgen wird ein humanistisches sein, oder es wird nichts sein. Das große schwierige Werk, zu dem wir aufgerufen sind und das in der Freiheit, der Toleranz, der Vielfalt und zum Teil im Lichte der Geschichte erfolgt, ist die Schaffung eines neuen europäischen Humanismus".
Jaques Le Goff